UNDINE GOLDBERG
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UNDINE GOLDBERG

Die Videoarbeiten von Undine Goldberg haben die Direktheit und Intensität eines Live-Auftritts. Zwischen Performancekunst und Undergroundfilm schwebend, sind sie vor allem durch ihre zahlreichen Begrenzungen bestimmt. Sie sind billig produziert, mit primitivster Technik hergestellt, häufig schwarz/weiß und beschränken sich meist auf einen Schauplatz, eine Szene – manchmal sogar auf eine einzige Kameraeinstellung – sowie auf wenige Handlungen, Gegenstände, Darsteller. Immer ist Musik ein wesentlicher Bestandteil. Dabei ist Musik nicht Untermalung, Hintergrund, Ornament, sondern Ausgangspunkt, Erzählung und Protagonist gleichzeitig. Wie konventionelle Musikclips haben die Videos oftmals die Dauer eines Songs – etwa drei bis vier Minuten. Die Selbstbeschränkungen Goldbergs spiegeln dabei die soziale Realität der Künstlerin wider und folgen weniger einer konzeptuellen Überlegung – man arbeitet eben mit dem, was gerade unmittelbar verfügbar ist: eine alte Videokamera, das eigene Atelier, der eigene Körper.
Goldbergs Videos lassen sich am treffendsten mit dem Begriff „Aneignung“ beschreiben. Versatzstücke aus der Popkultur – vorwiegend Musik, Fashion – werden im weitesten Sinn gecovert und gelangen dadurch zu neuer Bedeutung. In „Scarborough Fair“ (2001) etwa ist in Slow Motion das wiederholte Zertrümmern einer Gitarre zu sehen, dazu hört man die Melodie zu dem gleichnamigen Song von Simon & Garfunkel. Die abgedroschene Rock-Geste erhält durch die balladenartige Musik und die Verlangsamung der Bewegung eine überraschend poetische Qualität. Ihre Gewalt und Aggressivität löst sich auf und verwandelt sich in ein Gefühl von Melancholie und stiller Verzweiflung.
In zahlreichen Videos tritt Goldberg selbst als ihre eigene Protagonistin auf. Bei diesen Arbeiten ist das Verhältnis zur Vorlage noch unmittelbarer, hier bewegt sich die Aneignung in einem ambivalenten Feld von einerseits Selbstportrait und andererseits Nachahmung, Parodie und direkter Einverleibung. In „Baby’s on Fire“ (2001) singt Goldberg den legendären Brian-Eno-Song, der im Hintergrund in „Originalfassung“ zu hören ist und schrammelt dazu auf einer Spielzeuggitarre. Sie wirkt introvertiert, vor sich her delirierend, nur manchmal kommt es zu kurzen emphatischen Ausbrüchen und die Künstlerin beginnt, die Gitarre zu bearbeiten und Hingabe zu demonstrieren. Das Rohe und extrem Sperrige des dilettantischen Auftritts erhält durch eine als Hintergrund dienende Wandarbeit mit High-Fashion-Labels wie Guerlain, Hermès, Chanel etc. eine eigentümliche Brechung. Denn das Öffentliche und Glamouröse dieser angedeuteten „Bühne“ kommt der Privatheit und scheinbaren Glanzlosigkeit der Performance in die Quere. Der Wunsch, völlig mit dem Vorbild/der Vorlage eins zu werden, ist letztendlich zum Scheitern verurteilt.
Immer wieder kommen glitzernde Materialien zum Einsatz: Lametta, Silberfolie, Wunderkerzen, Glitter etc. – einfache Materialien, die Glamour behaupten und auf Andy Warhols Silver Factory anspielen oder Fashionlabels, die ebenso wie Stars ikonisiert werden. Das Verhältnis der Künstlerin zu dem angeeigneten Objekt ist keines der Distanz, im Gegenteil: es ist ganz offensichtlich von einem fetischisierenden Zugriff geprägt. Das Objekt wird begehrt und überhöht. Sie muss es einfach haben bzw. sie muss es „werden“. Auffällig oft richten sich Goldbergs Aneignungen auf männliche Vorlagen: Neil Young, Brian Eno, Eminem etc. Ebenso wie bei zahlreichen Künstlerinnen der Appropriation Art – jener historischen Kunstrichtung, die das Prinzip Aneignung erstmals explizit zum künstlerischen Verfahren gewählt hat – geht damit auch die Besetzung eines männlich kodierten Raums einher.
In dem Video „Superman“ (2002) ist die Aneignung gleich eine zweifache. Goldberg hat sich den nicht gerade für seinen Feminismus bekannten Rapper Eminem als Vorlage gewählt und performt seinen „Superman“- Song mit schwarz bemaltem Gesicht – ein verstörendes Statement zur Aneignung männlicher (schwarzer) Hip-Hop-Kultur. Der für Eminem typische aggressive Habitus fällt in der Interpretation Goldbergs regelrecht in sich zusammen und wird durch die Bemalung zusätzlich ins Groteske verzerrt.
In den späteren Videoarbeiten wie „Der Watzmann“ (2004) macht sich eine Öffnung bemerkbar, einige der Selbstbeschränkungen werden über Bord geworfen. Die zeitgemäßere Technik bietet nun Farbe, eine größere Beweglichkeit und die durch die Nachbearbeitung möglichen Verfremdungseffekte. Goldberg wendet sich zunehmend „Darstellern“ aus dem Freundeskreis und der Familie zu und verlässt gelegentlich sogar die Begrenzung des Ateliers, um Streifzüge in der Natur zu machen. Doch auch hier richtet sich der Blick schon bald wieder gezielt auf ein begehrtes Objekt – eine Blume wird mit der gleichen Intensität von der Kamera in Beschlag genommen wie das Glitzerpferd auf der Hintertasche einer Hose in „Goldrush“ (2002-2006). Auch ihre neueste Videoarbeit wendet sich der Aneignung von Natur zu, genauer gesagt: einer kultivierten, also bereist angeeigneten und mitunter klischierten Natur. „L’odeur de la neige“ (2010) ist eine Collage aus „authentischem“ und gecovertem Material: Abgefilmte Bilder aus Büchern über Gartenkunst und Schlossparkgestaltungen werden mit eigenen, eher beiläufigen Aufnahmen des winterlich verschneiten Grunewalds kombiniert. Dabei werden die Bilder von einem exponiert gefühlsgewaltigen Soundtrack, der aus zwei übereinander montierten Filmmusiken des österreichisch-amerikanischen Hollywoodkomponisten Max Steiners besteht, regelrecht in Beschlag genommen und buchstäblich „besetzt“. Die Musik produziert einen Überschuss an Gefühlen und beschwört auf eine fast überspannte Weise Romantik, Melancholie und Erhabenheit, weist den Bildern eine Bedeutung zu, die sie wohl kaum erfüllen können. Doch gerade in dieser offensichtlichen Verfehlung offenbart sich ein geheimer, flüchtiger Zauber.
Trotz ihres subversiven Potentials lassen sich Goldbergs Videos nicht auf Dekonstruktionen oder Demontagen reduzieren. Denn gerade in den Abweichungen ihrer Remakes oder Coverversionen entwickelt sich ganz plötzlich eine ungeahnte Qualität. Durch die Kopie und Nachahmung vermeintlich authentischer Gesten und Zeichen, die durch permanente Wiederholung entleert und buchstäblich zum Klischee „heruntergerockt“ wurden, gelangen sie in Undine Goldbergs Re-Inszenierungen, die auch immer schillernde Inszenierungen des Scheiterns sind, zu eigentümlich wahrhaftigen Statements voll bizarrer Schönheit.

von ESTHER BUSS